Rohbau eines Wohnhauses hinter Bauzaun, dahinter fertige Klinkerfassaden einer Hamburger Wohnstraße im Nachmittagslicht
Markt

5.976 Wohnungen, minus 28 Prozent. Der Bestand gewinnt Zeit, nicht Wert

Hamburg hat 2025 so wenige Wohnungen fertiggestellt wie seit Jahren nicht. Für Eigentümer im Bestand ist das eine Preisstütze, für Suchende eine teure Nachricht. Und eine Stütze auf Zeit: Zinsen, Baupreise und Energiekosten ziehen gleichzeitig in die andere Richtung.

Matthias SchwierMatthias Schwier9. Juli 2026 · aktualisiert am 9. Oktober 20268 Min. Lesezeit

5.976

fertiggestellte Wohnungen in Hamburg 2025, minus 28,2 Prozent

10.000

Ziel des Senats je Jahr, formuliert als „Voraussetzungen schaffen“

> 3,6 %

Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe Ende September 2026, März 2025: 2,37 %

Einordnung

Matthias Schwier, selbstständiger Immobilienberater der Deutsche Bank Immobilien GmbH und DEKRA zertifizierter Sachverständiger für Immobilienbewertung.

5.976 Wohnungen sind 2025 in Hamburg fertiggestellt worden, 28,2 Prozent weniger als im Jahr davor. Der Senat hat sich vorgenommen, die Voraussetzungen für 10.000 neue Wohnungen im Jahr zu schaffen, davon 3.000 gefördert. Die Stadtentwicklungssenatorin erklärt den Einbruch mit der Krise am Bau: Die Genehmigungen brachen 2023 ein, jetzt kommt das bei den Fertigstellungen an.

Für die Wohnungspolitik ist das eine schlechte Zahl. Für Eigentümer einer Bestandswohnung in Eppendorf oder eines Hauses in Winterhude sieht sie zunächst gut aus: Was nicht gebaut wird, fehlt als Konkurrenz. Ob daraus ein Gewinn wird, ist eine andere Frage, und um die geht es hier.

Was gebaut wurde

Ob die Kurve dreht, hängt davon ab, wen man fragt. Die Behörde meldet für Januar bis April 2026 2.344 genehmigte Wohnungen nach 1.252 im Vorjahr, rechnerisch ein Plus von 87 Prozent. Die amtliche Statistik zählt für das ganze erste Halbjahr 2.571 genehmigte Wohnungen, 2,0 Prozent weniger als im Vorjahr. Zwischen Genehmigung und Fertigstellung liegen in Hamburg zwei bis drei Jahre.

Seit 2011 sind in Hamburg mehr als 115.000 Wohnungen entstanden, im Schnitt knapp 8.000 im Jahr. Die 5.976 des Jahres 2025 fallen in ein Jahr, in dem die Bevölkerung um 6.908 Menschen gewachsen ist. Rechnerisch kam auf jede neue Wohnung mehr als ein neuer Einwohner.

Wohnungsbau Hamburg, Fertigstellungen und Genehmigungen
KennzahlWertEinordnung
Fertigstellungen 20255.976minus 28,2 Prozent gegen 2024
Ziel des Senats10.000 je Jahr„Voraussetzungen schaffen“, davon 3.000 gefördert
Genehmigungen Januar bis Juni 20262.571Statistikamt Nord, minus 2,0 Prozent; die Behörde meldet für Januar bis April plus 87 Prozent
Fertigstellungen seit 2011> 115.000im Schnitt knapp 8.000 je Jahr
Bevölkerungszuwachs 2025+ 6.9081.869.473 Einwohner am 31. Dezember 2025

Warum das den Bestand stützt

Das Angebot an Wohnungen hat zwei Quellen: den Neubau und den Bestand, der den Eigentümer wechselt. Fällt die erste Quelle um ein Viertel, fließt die Nachfrage in die zweite. 2025 wurden in Hamburg 10.120 Kaufverträge beurkundet, so viele wie seit 2021 nicht, und der Preisindex für Eigentumswohnungen hielt bei 265.

In den Alsterlagen wird ohnehin kaum gebaut. Die Konkurrenz für eine Altbauwohnung am Mittelweg kam nie aus Harvestehude, sondern aus den Neubauquartieren in der HafenCity, in Bahrenfeld, in Barmbek. Wachsen diese langsamer, bleibt die Altbauwohnung gefragt.

Wer das bezahlt

Man kann die Zahl auch anders lesen. Wer im Bestand sitzt, profitiert vom Neubau-Einbruch, ohne etwas dafür getan zu haben. Bezahlt wird dieser Vorteil von denen, die eine Wohnung suchen: der Assistenzärztin, die ans UKE wechselt, der Familie mit dem zweiten Kind. Sie zahlen mit höherer Miete, längerer Suche oder dem Umzug ins Umland. Das ist keine Moral, das ist die Rechnung.

Auffällig ist, wie das Ziel formuliert ist. Der Senat verspricht nicht 10.000 Wohnungen, sondern die „Voraussetzungen“ dafür. Gezählt werden oft Genehmigungen, gewohnt wird in Fertigstellungen. Zwischen 2011 und 2022 wurden 126.818 Wohnungen genehmigt, bis Ende 2021 waren rund 85.000 fertig. Genehmigt ist nicht gebaut.

Und die Rechnung kommt zurück. Eine Stadt, in der die Menschen, die sie am Laufen halten, keine Wohnung finden, verliert auf Dauer an dem, was ihre Lagen teuer macht, an Kaufkraft und an Nachwuchs. Schon heute ziehen Familien mit Kindern seit Jahren ins Umland.

Warum der Bestand trotzdem nicht automatisch gewinnt

Weniger Neubau ist nur eine Kraft. Drei andere ziehen gleichzeitig in die Gegenrichtung.

Zuerst die Zinsen. Baugeld hängt an den Renditen von Bundesanleihen und Pfandbriefen. Als im März 2025 das Schuldenpaket für Verteidigung und ein Sondervermögen von 500 Milliarden Euro für Infrastruktur angekündigt wurde, stieg die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe binnen einer Woche von 2,37 auf 2,93 Prozent, der stärkste Anstieg seit 1990. Mehr Schulden heißen mehr Anleihen am Markt, und Käufer verlangen dafür mehr Zins. Ende September 2026 sprang die Rendite erstmals über 3,6 Prozent. Baugeld mit zehn Jahren Zinsbindung wurde im September im Schnitt zu 4,16 Prozent abgeschlossen, Anfang Oktober lagen die Angebote bei rund 4,5 Prozent. Die EZB hat den Einlagesatz im September auf 2,50 Prozent angehoben. Wer kauft, kann bei diesem Zins weniger finanzieren, und das deckelt den Preis.

Einordnung

Bandbreiten zeigen den Markt. Den Wert zeigt nur Ihr Objekt.

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Dann die Baupreise. Neubau von Wohngebäuden war im August 2026 um 5,5 Prozent teurer als ein Jahr zuvor, die Instandhaltung von Wohngebäuden um 6,0 Prozent. Das klingt nach einem Problem der Bauherren, trifft aber den Bestand genauso, sogar etwas stärker: Jede Sanierung, jedes neue Dach, jede Heizung wird zu diesen Preisen bezahlt. Und wenn der Staat mit Milliarden dieselben Baufirmen bucht, die auch Wohnungen bauen und sanieren sollen, spricht wenig dafür, dass es billiger wird. Das Sondervermögen klingt nach Aufschwung. Für den Eigentümer, der sanieren muss, kann es zuerst eine teurere Handwerkerrechnung bedeuten.

Und die Energie. Seit dem 29. Juli 2026 gilt das Gebäudemodernisierungsgesetz. Wer ein Ein- oder Zweifamilienhaus kauft oder erbt, muss binnen zwei Jahren nachrüsten, etwa die oberste Geschossdecke dämmen, wenn sie den Mindestwärmeschutz nicht erreicht. Der CO₂-Preis liegt im Korridor von 55 bis 65 Euro je Tonne, für 2027 bisher nur als Gesetzentwurf; ab 2028 soll der europäische Emissionshandel für Gebäude den Preis am Markt bilden. Die Folge ist kein allgemeiner Preisverfall, sondern eine Schere: Das sanierte Haus hält seinen Wert, beim unsanierten zieht der Käufer die Sanierung vom Preis ab.

Unterm Strich: Wenig Neubau verschafft dem Bestand Zeit. Wert schafft er nicht. Wer am Ende gewinnt, entscheidet der Zustand des Objekts, nicht der Besitz allein.

Was die Zahl nicht hergibt

Sie ist kein Grund, den Preis zu erhöhen. Die Angebotspreise in den Wohnlagen liegen ohnehin über den beurkundeten Werten, 2025 in Nienstedten um knapp 16 Prozent, in Blankenese um gut 5. Ein schwacher Neubau schließt diese Lücke nicht, er hält sie. Wer aus fehlender Konkurrenz einen Aufschlag macht, verlängert die Standzeit.

Was kommt

Unsere Einschätzung: 2026 und 2027 bleibt der Neubau knapp, der Bestand in gefragten Lagen bleibt gestützt. Ob ab 2028 wieder mehr Konkurrenz entsteht, hängt an den Genehmigungen von heute, und die zeigen in der amtlichen Statistik noch keine Wende. Billiges Geld wie um 2021 erwarten wir nicht zurück; die Staatsverschuldung steigt, und die Anleger lassen sich das bezahlen. Am stärksten wird sich der Markt nach dem energetischen Zustand sortieren.

Woran Sie erkennen, ob wir recht haben: an den Genehmigungszahlen des Statistikamts Nord (die Fertigstellungen 2026 erscheinen voraussichtlich Ende Mai 2027), an der Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe, an der nächsten EZB-Entscheidung am 29. Oktober 2026 und an der Frage, ob der Emissionshandel für Gebäude 2028 wirklich startet.

Was Eigentümer daraus lesen können

Wer eine sanierte Bestandswohnung in gefragter Lage hält und verkaufen will, verkauft in einem Markt mit wenig Neubau-Konkurrenz: ein Argument für den Zeitpunkt, nicht für den Preis. Wer ein unsaniertes Haus hält, sollte wissen, dass der Käufer die Sanierung zu heutigen Baupreisen und Zinsen rechnet. Wer erst in drei Jahren verkaufen will, sollte die Genehmigungszahlen im Auge behalten.

Was das für eine konkrete Wohnung heißt, klären wir mit den beurkundeten Werten ihres Stadtteils und einem ehrlichen Blick auf ihren Zustand.

Des einen Freud, des andern Leid.

Sprichwort

Wenn auf jede neue Wohnung 2025 mehr als ein neuer Hamburger kam: Auf welcher Seite dieser Rechnung stehen Sie, und wie lange noch?

Im Bestand sitzen heißt nicht, gewonnen zu haben. Es heißt, Zeit zu haben. Wie viel davon Ihre Immobilie hat und was sie in diesem Markt wert ist, lesen wir gemeinsam aus den Zahlen.

FAQ

Häufige Fragen

Nicht automatisch. Weniger Neubau hält die Nachfrage im Bestand und stützt die Preise. Er hebt sie nicht, solange Zinsen und Einkommen den Rahmen setzen. Der Preisindex für Eigentumswohnungen steht 2025 bei 265, stabil unter dem Höchststand. Und steigende Bau- und Energiekosten wirken in die Gegenrichtung, vor allem bei unsanierten Objekten.

Autor
Matthias Schwier

Matthias Schwier

Selbstständiger Immobilienberater · Deutsche Bank Immobilien GmbH

Matthias Schwier verbindet Immobilienbewertung mit genauer Kenntnis der Hamburger Mikrolagen. Als selbstständiger Immobilienberater für die Deutsche Bank Immobilien GmbH macht er aus Marktgeräuschen eine belastbare Zahl, bevor Eigentümer über Verkauf, Übertragung oder Finanzierung entscheiden.

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Quellen
  1. 01
    Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen Hamburg, Pressemeldung vom 22.05.2026: 2025 wurden in Hamburg rund 6.000 neue Wohnungen fertiggestellt

    5.976 Fertigstellungen, Genehmigungen Januar bis April 2026 2.344 nach 1.252 (Meldung nennt plus 82 Prozent, rechnerisch 87), über 115.000 seit 2011, Aussage der Senatorin.

  2. 02
    Statistikamt Nord, Statistischer Bericht F II 1 m 6/26 HH: Baugenehmigungen in Hamburg Juni 2026

    Januar bis Juni 2026: 2.571 genehmigte Wohnungen, Vorjahr 2.624, minus 2,0 Prozent.

  3. 03
    Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen Hamburg, Wohnungspolitik des Senats

    Ziel „Voraussetzungen schaffen für 10.000 neue Wohnungen pro Jahr“, mindestens 3.000 gefördert; 126.818 Genehmigungen 2011 bis 2022, rund 85.000 Fertigstellungen bis Dezember 2021.

  4. 04
    Statistikamt Nord, Bevölkerung in Hamburg 2025

    1.869.473 Einwohner, plus 6.908; Binnenwanderung mit dem Umland negativ.

  5. 05
    Gutachterausschuss für Grundstückswerte in Hamburg, Immobilienmarktbericht 2026

    10.120 Kaufverträge 2025, Preisindex Eigentumswohnungen 265; Angebotslücken je Stadtteil aus dem Abgleich mit IMV.

  6. 06
    Börse Frankfurt, Bonds: strongest rise in yields since 1990, 07.03.2025

    Zehnjährige Bundesanleihe binnen einer Woche von 2,37 auf 2,93 Prozent, Sondervermögen Infrastruktur 500 Mrd. €, Einschätzung Commerzbank.

  7. 07
    Baufi24, Zinskommentar Oktober 2026, 06.10.2026

    Bundesanleihe Ende September über 3,6 Prozent, Durchschnitt zehnjährige Zinsbindung September 4,16 Prozent, Angebote Anfang Oktober rund 4,5 Prozent.

  8. 08
  9. 09
    Statistisches Bundesamt, Pressemitteilung Nr. 360 vom 09.10.2026

    Baupreise für Wohngebäude im August 2026 plus 5,5 Prozent gegenüber August 2025, Instandhaltung plus 6,0 Prozent.

  10. 10
    Gebäudemodernisierungsgesetz (GModG), BGBl. 2026 I Nr. 226

    In Kraft seit 29.07.2026; § 35 Dämmung oberste Geschossdecke, § 69 Abs. 3 und 4 Frist zwei Jahre für den neuen Eigentümer bei Gebäuden mit höchstens zwei Wohnungen.

  11. 11
    Deutscher Bundestag, Drucksache 21/7869

    Gesetzentwurf CO₂-Preis 2027, Korridor 55 bis 65 Euro je Tonne; Start des europäischen Emissionshandels für Gebäude 2028.